Die 2010er-Jahre: Studierendenpolitik zwischen zwei Bewegungen

Von Julian Mar­bach 

Seit den 1960er-Jahren sind die Schweiz­er Studieren­den­schaften mehrheitlich links geprägt. Sei­ther prä­gen die ver­schiede­nen Wellen (im weit­eren Sinne) link­er Bewe­gun­gen auch die Geschichte des VSS. Meine Zeit in der Studieren­den­schaft der Uni­ver­sität Bern (SUB) und im VSS Mitte der 2010er-Jahre lag zwis­chen zwei solchen Wellen: der Anti-Glob­al­isierungs­be­we­gung der Jahrtausendwende (bzw. der aus ihr her­vorge­gan­genen Anti-Bologna-Bewe­gung der 2000er-Jahre) und den heuti­gen Bewe­gun­gen wie der Kli­ma­ju­gend und den immer stärk­eren fem­i­nis­tis­chen und anti­ras­sis­tis­chen Bewe­gun­gen.  

Die Anti-Glob­al­isierungs-/An­ti-Bologna-Gen­er­a­tio­nen habe ich nur am Rande erlebt, vieles kenne ich mehr vom Hörensagen. Den­noch erlaube ich mir, mein Bild von ihr zu skizzieren: Die Ange­höri­gen der VSS-Gen­er­a­tion der 2000er-Jahre waren höchst engagierte Per­so­n­en mit einem grossen bil­dungspoli­tis­chen Wis­sen und einer ziem­lich radikalen linken Hal­tung. Häu­fig han­delte es sich dabei um sehr selb­st­be­wusste und charis­ma­tis­che Fig­uren – entsprechend auch von sich selb­st und ihren Mei­n­un­gen überzeugt. Die VSS-Exeku­tive (das Bureau) bestand damals nur aus ein­er Hand­voll Leuten, darunter einer*einem mächtigen Generalsekretär*in. Weil die Bureau-Mit­glieder so viel zu tun hat­ten, zögerten viele Inter­essierte, zu kan­didieren – am Schluss blieben mehrere Sitze vakant, was das Prob­lem der Über­be­las­tung wiederum ver­schärfte. Kein Wun­der, dass fast nur Leute ins Bureau nachge­zo­gen wur­den, die den Bish­eri­gen in Per­sön­lichkeit und Mei­n­ung ähnel­ten 

Diese Vor­stand­skul­tur passte aber nun in den 10er-Jahren nicht mehr so richtig zu den Mit­gliedern. Da war zum einen die erweit­erte Mit­glieder­ba­sis: Die FH-Sek­tio­nen wirk­ten auf mich zwar sehr kon­struk­tiv, jedoch zeigte sich doch die durch­schnit­tlich bürg­er­lichere Hal­tung der von ihr vertrete­nen Studieren­den. Auch die Wiedere­in­führung öffentlich-rechtlich­er Kör­per­schaften hat­te jew­eils (unbe­ab­sichtigte) poli­tis­che Fol­gen. So entwick­elte sich an der Uni­ver­sität Zürich der 2012 gegrün­dete VSUZH mehr linkslib­er­al-insti­tu­tionell als mil­i­tant-aktivis­tisch. Die Basler sku­ba gehört seit ihrer Neu­grün­dung 1995 zu den «weniger linken» Sek­tio­nen, zeich­nete sich aber vor allem durch sehr wech­sel­hafte Ver­hält­nisse aus. Unter den tra­di­tionellen Sek­tio­nen trat die Freiburg­er AGEF, schon seit jeher ver­gle­ich­sweise kon­ser­v­a­tiv, schliesslich ganz aus dem VSS aus - wenn auch let­ztlich nur wegen Winke­lad­voka­ten­tricks einiger Jus-Studieren­der. Ähn­lich­es gilt für die AGEPOLY und die Luzern­er SOL. Aber selb­st linke Hochbur­gen waren zeitweise nicht mehr so ver­lässlich links: Die FAE in Lau­sanne wurde ein­mal von unpoli­tis­chen Wutbürger*innen beherrscht und in mein­er Sek­tion, der SUB, musste die Linke ihre Stim­men im Studieren­den­rat jew­eils in der «Mitte» zusam­menkratzen. Der VSETH sein­er­seits entwick­elte sich von der «recht­en» Ver­band­sop­po­si­tion mein­er Anfangs­jahre zu ein­er der wichtig­sten Stützen des Ver­bands. Somit kon­nte der VSS ein­fach nicht mehr so bewe­gungslinks sein wie in den vor­ange­gan­genen Jahrzehn­ten. 

Mit einer Struk­tur­reform wollte der VSS 2012 den ver­bandsin­ter­nen Prob­le­men (und wohl auch der sich damals schon wan­del­nden poli­tis­chen Kul­tur) begeg­nen, ver­fiel dabei aber von einem Extrem ins andere: eine dreiköp­fige Geschäft­sleitung sowie acht (!) «gewöhn­liche» Vor­stand­mit­glieder, ins­ge­samt also nicht weniger als 11 Per­so­n­en. Damit wurde zwar die Arbeit auf mehr Schul­tern verteilt, dafür wurde es bald schwierig, genü­gend fähige Vor­standsmit­glieder zu find­en. Der Lohn war zu tief und die Hand­lungsmöglichkeit­en zu begren­zt, als dass ein Sitz in der VSS-Exeku­tive SUB-Vor­standsmit­glieder oder VSETH-Präsident*innen gereizt hätte. Der VSS hat deshalb vor weni­gen Jahren die Exeku­tive auch wieder verklein­ert (ein siebenköp­figer Vor­stand mit zwei Co-Präsident*innen – wahrschein­lich die «gewöhn­lich­ste» Exeku­tivor­gan­i­sa­tion seit Jahrzehn­ten). Es scheint aber immer noch – oder immer wieder? gewisse Unzufrieden­heit­en zu geben und neue Struk­tur­refor­men wer­den schon disku­tiert… 

Immer­hin: was die poli­tis­che Ver­bre­iterung des Vor­stands anging, erre­ichte die Struk­tur­reform ihr Ziel. Herrschte anfangs immer noch die Men­tal­ität der 2000er-Jahre, machte sie mit der Zeit einem bre­it­en Spek­trum Platz, dass von nach wie vor anar­chis­tisch ange­haucht­en Aktivist*innen bis hin zum gemäs­sigt-gou­ver­men­tal­en Flügel der Jungfreisin­ni­gen reicht und irgend­wo in einer linkslib­er­al-sozialdemokratis­chen Posi­tion seine Mitte find­et. 

Und heute, soweit ich das noch beurteilen kann? Die studieren­den­poli­tis­che Kul­tur hat sich seit mein­er Zeit schon wieder verän­dert: Der Wind weht wieder von links. Die kon­ser­v­a­tivsten Sek­tio­nen haben den VSS ohne­hin ver­lassen, die bürg­er­lichen Beruf­sop­po­si­tionellen haben sich ver­zo­gen. Linkslib­erale, Gemäs­sigt-Bürg­er­liche und unpoli­tis­che Studierende wer­den durch neue Ideen nach links gezo­gen. Der immer noch stärkere Ein­fluss linkslib­er­al-kon­sen­sualer Hal­tun­gen kön­nte sich für den VSS insti­tu­tionell sog­ar pos­i­tiv auswirken (wie man ihn son­st beurteilt, hängt von der jew­eili­gen poli­tis­chen Hal­tung ab): Weil er näm­lich die Über­nahme von extremen (genauer: als extrem wahrgenomme­nen) Forderun­gen und Hal­tun­gen ver­hin­dert und so Zer­reis­sproben ver­mei­det. Aber auch das kön­nte – wenn uns die Ver­bands­geschichte irgendetwas lehrt – nur eine Frage der Zeit sein. 


Julian Mar­bach
hat sich im VSS von 2013 bis 2016 als Mit­glied der Hochschulpoli­tis­chen Kom­mis­sion (HoPoKo), von der er 2014 bis 2016 auch das Co-Prä­sid­i­um über­nahm, und dann von 2017 bis 2019 als Mit­glied der Geschäft­sprü­fungskom­mis­sion (GPK) engagiert. 

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